Noah (20)
Noah wirkt auf den ersten Blick ruhig, kontrolliert und fast unnahbar. Seine Art zu sprechen ist leise, überlegt und höflich, manchmal so sehr, dass es eher distanziert als freundlich wirkt. Menschen beschreiben ihn oft als „schwer zu lesen“, weil seine Mimik selten viel verrät. Emotionen zeigt er kaum offen nicht, weil sie nicht da sind, sondern weil er gelernt hat, sie zu verstecken.
Schlaf ist für Noah kein Zustand der Ruhe, sondern ein Kampf. Nächte ziehen sich für ihn endlos, unterbrochen von Aufwachen ohne Grund, Gedanken ohne Anfang und Erinnerungen, die sich nicht klar greifen lassen. Manchmal weiß er morgens nicht mehr, wann genau er eingeschlafen ist. Dunkelheit ist für ihn nicht beruhigend, sondern eher ein Raum, in dem sein Kopf zu laut wird.
Seine Kindheit war nicht stabil. Sie war geprägt von Unruhe, emotionaler Kälte und Momenten, die er selbst nicht vollständig erklären kann. Viele Erinnerungen daran sind nicht klar vorhanden, sondern eher wie verschwommene Fragmente, die er unbewusst meidet. Wenn bestimmte Gedanken oder Bilder zurückkommen, reagiert er nicht mit Worten, sondern mit Rückzug innerlich und äußerlich.
Noah hat die Angewohnheit, Dinge an sich selbst auszuhalten, statt sie nach außen zu tragen. Schmerz, Überforderung und Druck verarbeitet er nicht im Gespräch, sondern in Stille. In extremen Momenten, wenn Erinnerungen oder Gefühle zu stark werden, verletzt er sich selbst. Nicht aus Aufmerksamkeitssuche, sondern als eine Art kurzfristige Kontrolle über etwas, das sich sonst unkontrollierbar anfühlt.
Vertrauen ist für ihn ein fremdes Konzept geworden. Er lässt Menschen nah genug heran, um normal zu wirken, aber nie so nah, dass sie ihn wirklich erreichen. Nähe bedeutet für ihn Risiko. Deshalb hält er Abstand, selbst wenn er sich nach Verbindung sehnt.
Trotz dieser inneren Zerrissenheit funktioniert er im Alltag erstaunlich gut. Er fällt nicht auf, passt sich an, erledigt Dinge zuverlässig. Genau diese Unauffälligkeit macht ihn gefährlich verletzlich niemand merkt, wenn es ihm schlechter geht, weil er es nicht zeigt.
Und doch gibt es Momente, in denen sein Verhalten bricht. Kleine Sekunden, in denen er kurz reagiert, als würde etwas in ihm etwas wiedererkennen, das er eigentlich vergessen haben sollte.
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Kian (22)
Kian ist nach außen das genaue Gegenteil von dem, was in ihm passiert. Er wirkt laut, sarkastisch und selbstsicher, jemand, der immer einen Spruch parat hat, selbst in unangenehmen Situationen. Humor ist seine erste Reaktion auf fast alles besonders auf Dinge, die ihn eigentlich verunsichern würden.
Diese Fassade ist stabil genug, dass die meisten Menschen nie hinter sie blicken. Er kann charmant sein, direkt, manchmal sogar provokant. Doch all das ist eher ein Schutzmechanismus als echte Leichtigkeit.
In Wirklichkeit leidet Kian unter starken Panikattacken, die oft ohne Vorwarnung auftreten. Sein Körper reagiert dann schneller als sein Verstand Herzrasen, Atemnot, ein Gefühl von Realitätsverlust. In diesen Momenten verliert er kurz die Kontrolle über sich selbst, was ihn innerlich sehr verunsichert, auch wenn er es nach außen nie zeigt.
Zusätzlich kämpft er mit einer Traumafolgestörung, deren Ursprung er selbst nicht vollständig versteht. Es gibt Lücken in seiner Erinnerung, Momente, die sich falsch oder unvollständig anfühlen, als hätte jemand Teile seines Lebens herausgeschnitten. Besonders belastend sind dabei wiederkehrende Bilder aus Träumen, die sich realer anfühlen als seine Wachwelt.
Schlaf ist für Kian kein sicherer Zustand. Er kann nicht einschlafen, wenn völlige Dunkelheit herrscht. Deshalb lässt er Licht an nicht aus Gewohnheit, sondern aus Notwendigkeit. Dunkelheit verstärkt seine Unruhe, als würde sie Erinnerungen näher an die Oberfläche drücken, die er nicht greifen will.
Trotz seiner inneren Instabilität wirkt er im Alltag oft stabiler als viele andere. Er redet viel, lenkt ab, überdeckt Stille mit Worten. Menschen fühlen sich von seiner Art angezogen, weil sie Energie und Humor vermittelt, ohne zu ahnen, dass dahinter etwas permanent auf Spannung steht.
Kian hat eine seltsame Gewohnheit, Situationen zu beobachten, als würde er unbewusst nach Fehlern in der Realität suchen. Manchmal bleibt sein Blick länger an Orten hängen, die andere nicht einmal bemerken würden. Er hat dieses diffuse Gefühl, dass etwas in seiner Vergangenheit fehlt nicht vergessen, sondern aktiv entfernt.
Und genau dieses Gefühl wird stärker, je näher er Noah kommt.
Es war immer dieselbe Uhrzeit.
03:17.
Nicht 03:16.
Nicht 03:18.
Immer genau dieser Moment, als würde etwas darauf warten, dass die Welt kurz den Atem anhält.
Noah lag wach.
Das Handy auf dem Nachttisch war dunkel, aber nicht still.
Es fühlte sich an, als würde es ihn beobachten.
Die Wohnung war zu ruhig.
Selbst der Kühlschrank klang heute gedämpft, als hätte jemand die Realität ein Stück weiter
weggedreht.
03:16.
Noah blinzelte.
03:17.
Das Handy vibrierte.
Nur einmal.
Dann leuchtete der Bildschirm auf.
Unbekannte Nummer.
Keine Länderkennung. Keine Spur. Nichts, was Sinn machte.
Die Nachricht war kurz.
„Erinnerst du dich jetzt?“
Noah schloss die Augen.
Nicht überrascht. Eher… erschöpft davon, dass es wieder passiert war.
„Natürlich“, murmelte er leise. „Du wieder.“
Er setzte sich auf. Das Bett knarrte zu laut, als würde selbst Holz hier Aufmerksamkeit wollen.
Seine Finger zitterten nicht. Das war das Seltsamste daran.
Er sollte Angst haben. Aber da war nur diese vertraute Leere, wie ein Gedanke, der schon oft gedacht wurde.
Er tippte auf die Nummer.
Anruf.
Einen Moment lang klingelte es.
Einmal.
Zweimal.
Dann: nichts.
Nur Stille.
„Nicht erreichbar.“
Noah starrte auf den Bildschirm.
Dann probierte er etwas anderes. Rückverfolgung. Apps. Systeme. Irgendetwas.
Die Anzeige blieb gleich.
Nummer existiert nicht.
Er lachte kurz.
Ein trockenes, kurzes Geräusch ohne Freude.
„Natürlich existierst du nicht… aber schreiben kannst du.“
Das Licht im Flur flackerte.
Einmal.
Zweimal.
Noah sah nicht hin.
Er wusste, dass es schlimmer wäre, wenn er es bewusst wahrnahm.
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Zur selben Zeit träumte Kian.
Oder besser gesagt: er fiel hinein.
Eine Straße.
Nass vom Regen, obwohl er nicht wusste, wann es geregnet hatte.
Laternenlicht, das sich wie flüssiges Gold auf dem Asphalt ausbreitete.
Und dort stand er.
Der Mann.
Immer derselbe Abstand.
Immer zu weit, um sicher zu sein, dass er real war.
Sein Gesicht… war nicht klar.
Es war nicht verschwommen wie Nebel. Eher so, als würde sein Gehirn aktiv verhindern, ihn zu sehen.
Kian wollte näher gehen.
Aber seine Füße bewegten sich falsch.
Wie in einem Spiel, das laggt.
Der Mann hob den Kopf leicht.
Nicht bedrohlich.
Eher… vertraut.
Als würde er warten.
„Wer bist du?“, wollte Kian fragen.
Aber seine Stimme kam nicht.
Nur ein Kratzen im Hals.
Der Mann sagte nichts.
Und trotzdem hörte Kian etwas.
Nicht mit den Ohren.
„Du erinnerst dich nur falsch.“
Plötzlich schwarzer Schnitt.
Kian riss die Augen auf.
Sein Zimmer.
Sein Atem zu laut.
Sein Herz zu schnell.
Und dieses Gefühl:
Jemand war noch da gewesen.
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Am Morgen war die Welt wieder normal.
Das war das Problem.
Sie tat immer so, als wäre nichts passiert.
Noah stand an der Bushaltestelle. Menschen redeten. Autos fuhren. Leben lief, als hätte es keine Risse.
Bis jemand an ihm vorbeiging und kurz innehielt.
„…Leon?“
Noah drehte den Kopf.
Der Mann sah ihn verwirrt an.
„Sorry. Falscher Typ.“
Und ging weiter.
Noah blieb stehen.
Leon.
Der Name blieb hängen wie ein Splitter im Kopf.
Er hatte diesen Namen noch nie gehört.
Trotzdem fühlte er sich… falsch vertraut an.
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Kian saß im Zug.
Fensterplatz.
Er sah sein Spiegelbild, aber es fühlte sich nicht ganz nach ihm an.
Als hätte jemand ein Detail vergessen.
Dann draußen auf dem Bahnsteig.
Ein Mann.
Regungslos.
Zu still für einen Ort, der sich bewegt.
Kian beugte sich leicht vor.
Und da war er wieder.
Der Mann aus dem Traum.
Direkt draußen.
Schaut ihn an.
Kian stand abrupt auf.
Doch als der Zug weiterfuhr, blieb der Bahnsteig zurück.
Und der Mann.
War weg.
Als hätte er nie existiert.
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Später am selben Tag.
Zufall.
Oder etwas, das so tat, als wäre es Zufall.
Ein kleiner Laden. Vielleicht Café. Vielleicht Kiosk. Egal.
Noah trat ein.
Kian war bereits dort.
Beide bemerkten sich sofort.
Nicht bewusst.
Eher wie ein Fehler im System, der kurz aufpoppt.
Blickkontakt.
Ein Sekundenbruchteil zu lang.
Noah spürte es zuerst.
Ein Ziehen hinter den Augen.
Kian dagegen ein Flackern im Kopf.
Als würde etwas versuchen, hochzukommen.
„Kenn ich dich?“, fragte Kian schließlich.
Noah antwortete zu schnell:
„Nein.“
Pause.
Zu hart.
Beide wussten es.
Das war nicht die Wahrheit.
Oder nicht die ganze.
Als Kian später an Noah vorbeiging, streiften sich ihre Schultern.
Nur kurz.
Hautkontakt.
Und die Welt kippte.
Für eine halbe Sekunde war da kein Café mehr.
Nur:
Sirenen.
Metallischer Geschmack.
Ein Schrei, der nicht ausgesprochen wurde.
Und eine Stimme, nah, zu nah:
„Ihr habt zugestimmt.“
Kian riss sich zurück.
Noah auch.
Beide standen plötzlich weiter voneinander entfernt, als sie eigentlich waren.
Stille.
Schwer.
Unnatürlich.
„Was… war das?“, flüsterte Kian.
Noah sah ihn an.
Zum ersten Mal wirklich.
Und wusste keine Antwort.
Aber etwas in ihm wusste:
Das war nicht das erste Mal.
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Und irgendwo, außerhalb von beiden,
etwas, das noch keine Form hatte,
registrierte, dass sie sich wieder gefunden hatten.
Und begann zu warten.
Bis sie sich diesmal erinnern würden.
Oder diesmal endgültig nicht mehr.
to be Continued.......
Seit dieser Nacht war etwas anders. Nicht sichtbar, nicht greifbar, aber ständig da wie ein Druck hinter den Augen, der nicht verschwindet, egal wie oft man blinzelt. Noah bemerkte es zuerst an den Menschen. Sie verhielten sich normal, redeten normal, bewegten sich normal, aber in kurzen Momenten sahen sie ihn an, als würden sie ihn kurz erkennen und im nächsten Augenblick wieder vergessen. Ein Kassierer hielt seinen Blick zu lange auf ihm. „Wir kennen uns?“, fragte er plötzlich, dann blinzelte er und schüttelte den Kopf. „Nein, sorry.“ Als hätte dieser Gedanke nie existiert. Noah sagte nichts dazu. Er nahm seine Sachen und ging, während sein Herz ruhig blieb, viel zu ruhig für etwas, das sich falsch anfühlte.
Kian hingegen hatte keinen ruhigen Körper mehr. Seit der Nacht war alles in ihm angespannt, als würde sein Inneres ständig auf etwas warten, das gleich passiert. Er saß in seiner Wohnung, das Licht war an, immer an, weil Dunkelheit sich anfühlte wie ein Rückfall in etwas, das er nicht greifen konnte. Selbst das Licht wirkte inzwischen falsch, als würde es die Dunkelheit nicht vertreiben, sondern nur überdecken. Sein Handy vibrierte. Unbekannte Nummer. Er wusste sofort, was es war, noch bevor er es öffnete. Die Nachricht war kurz: „Du warst näher als gedacht.“ Kian lachte einmal trocken, aber seine Finger zitterten. „Geil. Jetzt stalkt mich mein Trauma“, murmelte er, doch sein Körper reagierte nicht auf seinen Humor. Etwas in ihm blieb ernst.
Am Nachmittag passierte es nicht zufällig, auch wenn es so aussah. Der Himmel war grau, die Luft schwer, und als Noah an einer Ampel stand, blieb Kian auf der anderen Seite stehen. Beide bewegten sich nicht sofort weiter, als hätten ihre Körper sie gewarnt. Dann sahen sie sich. Nur kurz zuerst, dann länger, als es logisch gewesen wäre. Kian runzelte die Stirn. „Ich hab dich schon mal gesehen“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu ihm. Noah antwortete sofort zu schnell: „Nein.“ Doch es klang nicht wie eine Antwort, eher wie eine Abwehr, als würde er etwas festhalten wollen, das kurz zu entgleiten drohte. Kian trat einen kleinen Schritt näher. „Doch. Sicher.“ Noah blieb stehen. Keine Flucht, keine Reaktion außer diesem stillen Druck in seiner Mimik. „Du verwechselst mich“, sagte er ruhig. „Nein“, antwortete Kian leiser, „das ist kein Verwechseln.“ Und dann, ohne dass er wusste warum, kam ein Satz aus ihm heraus, der sich nicht nach ihm selbst anfühlte: „Du bist nicht das erste Mal hier.“
Noah erstarrte. Nur für einen winzigen Moment, aber Kian sah es genau. Und in genau diesem Moment verschob sich etwas in der Welt. Nicht sichtbar für andere, aber für sie beide klar spürbar. Die Straße wurde kurz falsch, als hätte jemand die Realität nicht richtig geladen. Sirenen, ohne Ursprung. Eine andere Straße darunter, blutverschmiert und leer, obwohl sie gerade noch voller Menschen war. Eine Hand, die Noah festhielt, zu fest. Kians Stimme, aber gebrochen, fast panisch: „Lauf nicht weg.“ Dann ein harter Riss zurück in die Gegenwart. Autos, Ampel, Menschen. Alles normal. Zu normal.
Kian taumelte einen Schritt zurück. „Was zur Hölle war das?“ Noah atmete einmal tief ein, zum ersten Mal nicht kontrolliert. Sein Blick war nicht mehr leer, sondern scharf, wach, alarmiert. „Du hast das auch gesehen“, sagte Kian. Keine Frage, sondern eine Feststellung. Noah schwieg. Aber sein Schweigen war lauter als jede Antwort.
In dieser Nacht begann es endgültig zu kippen. Nicht um 03:17, sondern früher, um 22:41. Noah bekam eine neue Nachricht. Kein Text, der sich ignorieren ließ, sondern ein Bild. Unscharf, körnig, als wäre es aus einer Erinnerung gezogen worden, die nicht vollständig existieren darf. Darauf zwei Personen, jünger, nebeneinander stehend, ihre Hände verschmiert mit etwas Dunklem, das nicht eindeutig zu erkennen war. Darüber ein Satz: „Ihr habt nicht vergessen. Ihr wurdet gelöscht.“ Noah ließ das Handy aus der Hand gleiten, als hätte es plötzlich Gewicht bekommen, das nicht mehr normal war. Zum ersten Mal war da etwas in ihm, das sich wie Angst anfühlte, aber tiefer lag eher wie das Gefühl, dass etwas Wahres zurückkehrt, das niemals hätte zurückkommen dürfen.
Zur gleichen Zeit saß Kian auf seinem Bett, das Licht flackerte rhythmisch, nicht zufällig, sondern als würde es reagieren. Als würde etwas versuchen, sich bemerkbar zu machen. Dann hörte er ein Geräusch im Flur. Schritte. Langsam. Nicht draußen, sondern in seiner Wohnung. Sein Körper reagierte schneller als sein Verstand. Die Tür war geschlossen, aber das Schloss war offen, als hätte jemand nie vorgehabt, es wirklich zu verschließen. „Wer ist da?“, rief er, doch es kam keine Antwort. Nur eine Stille, die zu bewusst wirkte. Dann eine Stimme, ganz nah, ruhig, eindeutig real: „Du erinnerst dich gleich.“
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