Chapter 2. FEHLER IM SYSTEM

Seit dieser Nacht war etwas anders. Nicht sichtbar, nicht greifbar, aber ständig da wie ein Druck hinter den Augen, der nicht verschwindet, egal wie oft man blinzelt. Noah bemerkte es zuerst an den Menschen. Sie verhielten sich normal, redeten normal, bewegten sich normal, aber in kurzen Momenten sahen sie ihn an, als würden sie ihn kurz erkennen und im nächsten Augenblick wieder vergessen. Ein Kassierer hielt seinen Blick zu lange auf ihm. „Wir kennen uns?“, fragte er plötzlich, dann blinzelte er und schüttelte den Kopf. „Nein, sorry.“ Als hätte dieser Gedanke nie existiert. Noah sagte nichts dazu. Er nahm seine Sachen und ging, während sein Herz ruhig blieb, viel zu ruhig für etwas, das sich falsch anfühlte.

Kian hingegen hatte keinen ruhigen Körper mehr. Seit der Nacht war alles in ihm angespannt, als würde sein Inneres ständig auf etwas warten, das gleich passiert. Er saß in seiner Wohnung, das Licht war an, immer an, weil Dunkelheit sich anfühlte wie ein Rückfall in etwas, das er nicht greifen konnte. Selbst das Licht wirkte inzwischen falsch, als würde es die Dunkelheit nicht vertreiben, sondern nur überdecken. Sein Handy vibrierte. Unbekannte Nummer. Er wusste sofort, was es war, noch bevor er es öffnete. Die Nachricht war kurz: „Du warst näher als gedacht.“ Kian lachte einmal trocken, aber seine Finger zitterten. „Geil. Jetzt stalkt mich mein Trauma“, murmelte er, doch sein Körper reagierte nicht auf seinen Humor. Etwas in ihm blieb ernst.

Am Nachmittag passierte es nicht zufällig, auch wenn es so aussah. Der Himmel war grau, die Luft schwer, und als Noah an einer Ampel stand, blieb Kian auf der anderen Seite stehen. Beide bewegten sich nicht sofort weiter, als hätten ihre Körper sie gewarnt. Dann sahen sie sich. Nur kurz zuerst, dann länger, als es logisch gewesen wäre. Kian runzelte die Stirn. „Ich hab dich schon mal gesehen“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu ihm. Noah antwortete sofort zu schnell: „Nein.“ Doch es klang nicht wie eine Antwort, eher wie eine Abwehr, als würde er etwas festhalten wollen, das kurz zu entgleiten drohte. Kian trat einen kleinen Schritt näher. „Doch. Sicher.“ Noah blieb stehen. Keine Flucht, keine Reaktion außer diesem stillen Druck in seiner Mimik. „Du verwechselst mich“, sagte er ruhig. „Nein“, antwortete Kian leiser, „das ist kein Verwechseln.“ Und dann, ohne dass er wusste warum, kam ein Satz aus ihm heraus, der sich nicht nach ihm selbst anfühlte: „Du bist nicht das erste Mal hier.“

Noah erstarrte. Nur für einen winzigen Moment, aber Kian sah es genau. Und in genau diesem Moment verschob sich etwas in der Welt. Nicht sichtbar für andere, aber für sie beide klar spürbar. Die Straße wurde kurz falsch, als hätte jemand die Realität nicht richtig geladen. Sirenen, ohne Ursprung. Eine andere Straße darunter, blutverschmiert und leer, obwohl sie gerade noch voller Menschen war. Eine Hand, die Noah festhielt, zu fest. Kians Stimme, aber gebrochen, fast panisch: „Lauf nicht weg.“ Dann ein harter Riss zurück in die Gegenwart. Autos, Ampel, Menschen. Alles normal. Zu normal.

Kian taumelte einen Schritt zurück. „Was zur Hölle war das?“ Noah atmete einmal tief ein, zum ersten Mal nicht kontrolliert. Sein Blick war nicht mehr leer, sondern scharf, wach, alarmiert. „Du hast das auch gesehen“, sagte Kian. Keine Frage, sondern eine Feststellung. Noah schwieg. Aber sein Schweigen war lauter als jede Antwort.

In dieser Nacht begann es endgültig zu kippen. Nicht um 03:17, sondern früher, um 22:41. Noah bekam eine neue Nachricht. Kein Text, der sich ignorieren ließ, sondern ein Bild. Unscharf, körnig, als wäre es aus einer Erinnerung gezogen worden, die nicht vollständig existieren darf. Darauf zwei Personen, jünger, nebeneinander stehend, ihre Hände verschmiert mit etwas Dunklem, das nicht eindeutig zu erkennen war. Darüber ein Satz: „Ihr habt nicht vergessen. Ihr wurdet gelöscht.“ Noah ließ das Handy aus der Hand gleiten, als hätte es plötzlich Gewicht bekommen, das nicht mehr normal war. Zum ersten Mal war da etwas in ihm, das sich wie Angst anfühlte, aber tiefer lag eher wie das Gefühl, dass etwas Wahres zurückkehrt, das niemals hätte zurückkommen dürfen.

Zur gleichen Zeit saß Kian auf seinem Bett, das Licht flackerte rhythmisch, nicht zufällig, sondern als würde es reagieren. Als würde etwas versuchen, sich bemerkbar zu machen. Dann hörte er ein Geräusch im Flur. Schritte. Langsam. Nicht draußen, sondern in seiner Wohnung. Sein Körper reagierte schneller als sein Verstand. Die Tür war geschlossen, aber das Schloss war offen, als hätte jemand nie vorgehabt, es wirklich zu verschließen. „Wer ist da?“, rief er, doch es kam keine Antwort. Nur eine Stille, die zu bewusst wirkte. Dann eine Stimme, ganz nah, ruhig, eindeutig real: „Du erinnerst dich gleich.“

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