Kian wusste zuerst nicht, dass es wieder anfing. Es war kein klarer Moment, eher ein langsames Verrutschen in seinem Körper, als würde etwas in ihm minimal aus der Spur geraten. Die Schritte im Flur waren längst vorbei, aber sein Körper hatte sie nicht vergessen. Sein Herz schlug zu schnell, dann wieder unregelmäßig, als würde es einem Rhythmus folgen wollen, der nicht mehr existierte. Er stand in seiner Wohnung, das Licht war an, immer an, weil Dunkelheit für ihn nie einfach nur Dunkelheit war. Doch selbst das Licht fühlte sich heute instabil an, als würde es die Schatten nicht vertreiben, sondern nur betonen, dass sie da waren. Sein Blick ging zur Tür, dann wieder weg, dann wieder zurück, ohne dass er wirklich wusste warum. Und genau in diesem Moment begann es. Nicht plötzlich, nicht laut, sondern zu viel auf einmal. Sein Atem stockte, seine Brust wurde eng, die Luft fühlte sich dichter an, als hätte sich der Raum um ihn verändert. Kian griff nach der Wand, nicht um zu fallen, sondern weil sein Körper nicht mehr wusste, wo Halt ist. „Okay… okay… das ist nichts Neues…“ flüsterte er, aber seine Stimme klang fremd, als würde sie nicht ganz zu ihm gehören. Sein Blick flackerte kurz und für einen Sekundenbruchteil war seine Wohnung nicht mehr seine Wohnung. Da war ein langer, kalter Gang, flackerndes Licht, und jemand rief seinen Namen, aber falsch, als wäre er durch Wasser gezogen worden. Kian riss die Augen auf. „Nein… nicht jetzt…“ Sein Atem wurde schneller, zu schnell, zu flach, sein Herz raste gegen etwas Unsichtbares, sein Körper versuchte zu fliehen, obwohl es keinen Ort gab, an den er fliehen konnte. Dann hörte er etwas im Flur. Schritte. Er erstarrte sofort, nicht aus Neugier, sondern aus einem instinktiven Wissen heraus, dass das gerade wichtig war. Die Schritte stoppten vor seiner Tür. Noah stand draußen. Er wusste selbst nicht genau, warum er hier war. Es war kein logischer Gedanke gewesen, kein Plan, eher dieses seltsame Ziehen, das ihn seit Tagen begleitete, als würde etwas in ihm ständig in eine bestimmte Richtung gedrückt werden. Er hatte keine Adresse bewusst gesucht, er hatte nicht gefragt, er war einfach gegangen, und jetzt stand er hier vor einer Tür, die sich anfühlte, als hätte er sie schon einmal gesehen, ohne sich erinnern zu können, wann. Drinnen hörte er Atmen, unregelmäßig, gebrochen. Noah hob die Hand und klopfte einmal. Keine Reaktion. Dann nochmal, fester. „Kian?“, sagte er, und der Name kam ihm zu selbstverständlich über die Lippen, als hätte er ihn nicht gerade erst gedacht, sondern immer schon gekannt. Drinnen fiel etwas zu Boden, ein dumpfer Klang, nicht laut, aber kontrollverlustartig. Noah reagierte sofort, klopfte stärker und sagte: „Hey! Mach die Tür auf.“ Einen Moment war nur Stille, dann hörte er Bewegung direkt dahinter und das Schloss klickte. Die Tür öffnete sich einen Spalt und Kian stand da, aber nur kurz. Sein Blick war unfokussiert, sein Körper instabil, als würde er sich gegen etwas stemmen, das er nicht benennen konnte. Er versuchte etwas zu sagen, aber die Worte kamen nicht. Dann brach sein Körper weg. Nicht dramatisch, nicht bewusst, sondern einfach, als würde ihm die Kontrolle entgleiten. Er rutschte an der Tür herunter, setzte sich halb auf den Boden, eine Hand noch am Rahmen, als wäre das die letzte Verbindung zur Realität. Sein Atem war völlig aus dem Rhythmus, sein Brustkorb arbeitete gegen sich selbst. Noah stand im Türrahmen, einen Moment still, dann ging er sofort einen Schritt näher, aber ohne ihn zu überrennen. „Hey“, sagte er leise, klar, ruhig genug, um nicht mehr Druck zu erzeugen. Kian sah ihn nicht richtig, eher als flackernde Silhouette, etwas Vertrautes in einem Moment, der sich falsch anfühlte. „Ich… kann nicht…“, brachte er hervor, aber es war kein Satz, eher ein Riss in seiner Stimme. „Ich weiß“, sagte Noah, ohne wirklich zu wissen, warum er das sagte. Er ging langsam in die Hocke, nicht zu nah, aber nah genug, dass Kian ihn sehen konnte. „Schau mich an“, sagte er ruhig. „Nur mich. Nicht den Rest.“ Kian kämpfte sichtbar dagegen, aber irgendwann fand sein Blick Noah. Und in genau diesem Moment verschob sich etwas. Nicht komplett, aber genug. Sein Atem stockte kurz, als hätte sein Kopf etwas berührt, das er nicht hätte erreichen sollen. Da war wieder dieser Flur, kaltes Licht, Blut auf dem Boden, und Noahs Stimme, aber jünger, brüchig, dringlich: „Wenn wir jetzt gehen, gibt es kein Zurück mehr.“ Kian zuckte heftig zusammen, sein Körper reagierte schneller als sein Verstand, und Noah griff instinktiv nach ihm, hielt ihn fest, bevor er weiter wegrutschen konnte. „Bleib hier“, sagte Noah jetzt deutlicher, nicht mehr nur ruhig, sondern wirklich da. Kian keuchte, versuchte zu atmen, versuchte zurückzukommen. „Ich… versuch’s…“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Fragment, aber sein Atem begann langsam wieder einen Rhythmus zu finden, auch wenn er falsch war. Noah ließ ihn nicht los. Und zum ersten Mal war das nicht die Nähe zwischen zwei Fremden, sondern zwischen zwei Menschen, die sich kannten, ohne zu wissen woher. Kian flüsterte irgendwann, immer noch am Boden: „Woher weißt du, wo ich wohne?“ Noah schwieg einen Moment, sein Blick blieb auf ihm. Dann sagte er ehrlich, fast leise: „Ich weiß es nicht.“ Pause. „Ich bin einfach hier gewesen.“ Stille füllte den Raum, schwer und voll, aber nicht leer. Sondern wie etwas, das gerade angefangen hatte, sich wieder zu erinnern, ohne zu wissen, ob es das überhaupt darf.
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