Die Wohnung war still auf eine Art, die sich nicht mehr normal anfühlte. Nicht ruhig sondern beobachtet. Kian saß noch immer auf dem Boden, den Rücken halb gegen die Wand gelehnt, als hätte sein Körper beschlossen, dass jede weitere Bewegung unnötig ist. Sein Atem war wieder langsamer geworden, aber nicht wirklich stabil. Eher wie etwas, das sich nur kurzfristig beruhigt hat, ohne wirklich verstanden zu haben, wie Ruhe funktioniert. Seine Finger lagen locker auf seinen Knien, aber gelegentlich zuckten sie, als würde sein Körper nach etwas greifen, das nicht mehr da war.
Noah stand nicht mehr im Türrahmen. Er hatte sich irgendwann ohne große Ankündigung näher bewegt, aber nicht zu nah. Jetzt saß er auf dem Rand des Sofas, leicht nach vorne gelehnt, die Hände ruhig, die Haltung aufmerksam. Nicht distanziert, aber auch nicht aufdringlich. Eher so, als würde er den Raum zusammenhalten, ohne genau zu wissen warum.
Zwischen ihnen lag etwas Unausgesprochenes. Nicht nur die Panik, die gerade erst abgeklungen war, sondern etwas, das danach noch blieb. Kian starrte irgendwann an die gegenüberliegende Wand und sagte leise: „Das passiert nicht zum ersten Mal, oder?“ Seine Stimme klang müde, nicht dramatisch, eher resigniert. Noah antwortete nicht sofort. Das war das Seltsame in ihm gab es keine schnelle Abwehr mehr, keine klare Distanz zu der Frage. „Nein“, sagte er schließlich. „Ich glaube nicht.“
Kian schnaubte leise, fast ein bitteres Lachen. „Super. Also bin ich nicht verrückt, sondern einfach nur… in irgendwas drin.“ Noah sah ihn direkt an. „Ich glaube nicht, dass das etwas ist, das man so nennen kann.“ Kian drehte langsam den Kopf zu ihm. „Und wie nennst du es dann?“ Noah zögerte einen Moment, als würde er im eigenen Kopf nach einem Wort suchen, das dort nicht existiert. „Wiederholung“, sagte er schließlich. „Oder… Fehler.“
Für einen Moment war wieder Stille im Raum. Aber diesmal war sie anders als vorher. Nicht leer, sondern gespannt, als würde sie etwas festhalten. Kian atmete tief ein, dann wieder aus, diesmal kontrollierter. „Okay“, sagte er schließlich und zwang sich, aufzustehen, auch wenn seine Beine noch unsicher waren. „Dann hören wir auf, so zu tun, als wäre das nur Zufall.“
Er ging zum Tisch, auf dem sein Handy lag, und nahm es auf. Seine Finger waren immer noch leicht zittrig, aber er zwang sich zur Ruhe. „Die Nachrichten kommen immer um drei irgendwas, oder?“ Noah nickte. „03:17.“ Kian sah kurz auf. „Du sagst das zu schnell.“ Noah zuckte minimal mit den Schultern. „Weil es immer gleich ist.“
Kian entsperrte sein Handy und zeigte ihm den Bildschirm. „Ich hab alles durchgesehen. Keine Nummer, kein Verlauf, nichts Ungewöhnliches. Als wäre nie etwas angekommen.“ Noah trat näher, diesmal bewusst, nicht mehr vorsichtig zurückhaltend, sondern fokussiert. „Bei mir genauso.“ Kian sah ihn scharf an. „Und trotzdem sind wir beide hier und reden darüber.“ Noah nickte langsam. „Ja.“
Das war der Moment, in dem die Logik eigentlich hätte greifen müssen. Aber sie tat es nicht. Stattdessen fühlte sich alles eher so an, als würde die Realität selbst einen Schritt zurückgehen, sobald sie versuchten, sie anzuschauen.
Kian ließ sich auf das Sofa sinken und rieb sich mit der Hand über die Stirn. „Ich hab Träume“, sagte er plötzlich, ohne wirklich darüber nachzudenken. Noah hob sofort den Blick. „Welche?“ Kian zögerte kurz, als würde er entscheiden, ob er das wirklich laut sagen sollte. „Immer derselbe Ort. Ein langer Gang. Licht, das flackert. Und jemand ruft meinen Namen, aber ich kann nie sehen, wer es ist.“ Noah schwieg einen Moment. Sein Blick veränderte sich kaum sichtbar, aber etwas in seiner Haltung wurde wacher. „Ich hab das auch“, sagte er dann.
Kian lachte kurz, aber diesmal nicht spöttisch, eher ungläubig. „Das ist nicht möglich.“ „Ich weiß“, antwortete Noah sofort. „Aber es passiert trotzdem.“
Für einen Moment war da nichts außer dieser Aussage. Kein Widerspruch, kein Versuch, es zu erklären. Nur die Tatsache, dass es existierte. Und genau das machte es schlimmer.
Kian stand wieder auf, diesmal langsamer, und ging ein paar Schritte durch den Raum, als müsste er sich vergewissern, dass er wirklich hier war. „Okay“, sagte er schließlich. „Wenn wir das nicht nur träumen und es keine Einbildung ist, dann muss es irgendeinen Ursprung geben.“ Noah beobachtete ihn. „Du willst es logisch machen.“ „Ich will es begreifbar machen“, korrigierte Kian.
Er blieb vor dem Tisch stehen und tippte auf sein Handy. „Die Uhrzeit ist immer gleich. 03:17. Das ist kein Zufall.“ Noah nickte langsam. „Zeitmarker.“ Kian sah kurz auf. „Was?“ „Wenn etwas kontrolliert abläuft, benutzt es Wiederholungen“, sagte Noah ruhig. „Damit es sich nicht wie Chaos anfühlt.“ Kian starrte ihn an. „Woher weißt du sowas?“ Noah antwortete nicht sofort. „Ich weiß es nicht.“
Diese Antwort hing kurz im Raum.
Dann griff Kian nach einem Notizzettel und einem Stift. „Okay. Dann gehen wir es anders an.“ Er schrieb die Uhrzeit auf. 03:17. Dann daneben: Nachrichten. Träume. Erinnerungslücken. Er hielt kurz inne. „Hast du jemals das Gefühl, dass dir etwas fehlt?“ fragte er dann, ohne aufzusehen. Noah antwortete schneller als erwartet. „Ja.“
Kian sah kurz zu ihm hoch. „Immer?“ Noah nickte. „Nicht wie ein Gedanke. Eher wie ein Raum, der nicht mehr da ist.“ Kian hielt den Stift fest, etwas zu lange. „Genau so fühlt es sich bei mir auch an.“
Für einen Moment war es still. Dann passierte es wieder. Nicht laut. Nicht sichtbar. Nur ein kurzer Riss in der Wahrnehmung. Der Raum fühlte sich plötzlich falsch an, als würde etwas darunter kurz durchscheinen. Beide hielten gleichzeitig inne.
„Hast du das…?“ begann Kian. „Ja“, sagte Noah sofort.
Und dann war da etwas.
Kein vollständiges Bild. Kein klarer Flashback. Nur Fragmente. Ein kalter Raum. Stimmen im Hintergrund. Metallischer Geruch. Und ein Satz, der nicht vollständig greifbar war, aber trotzdem da blieb: „Wenn ihr euch erinnert, beginnt es wieder.“
Kian presste die Augen kurz zusammen. „Das ist nicht normal.“ Noah stand jetzt komplett ruhig, aber seine Augen waren fokussiert. „Nein“, sagte er. „Das ist Reaktion.“
Kian sah ihn an. „Reaktion auf was?“ Noah drehte den Kopf leicht zur Seite, als würde er etwas außerhalb des Raums wahrnehmen. „Auf uns.“
In diesem Moment vibrierte Kians Handy.
Einmal.
Kurz.
Zu kurz, um Zufall zu sein.
Beide sahen gleichzeitig hin.
Unbekannte Nummer.
Kein Textvorschau.
Nur ein leerer Eingang, der darauf wartete, geöffnet zu werden.
Und für einen kurzen Moment fühlte es sich nicht so an, als würden sie entscheiden, ob sie es öffnen.
Sondern als würde etwas anderes warten, dass sie es tun.
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